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Ich schätze die Analysen von Ben Thompson sehr. Für mich ist es unerklärlich, wie ein Mensch solch einen intelligenten Output, Tag für Tag, generieren kann. Er findet sich auch unter meinen Newsletter-Empfehlungen. Aber zum eigentlichen Thema:

In seinem Artikel The End of the Beginning analysiert Thompson den Enwicklungsstand des Personal Computings. Dafür zieht er Parallelen zur Automobilindustrie, die seit den 30er Jahren eigentlich konstant von wenigen Playern dominiert wird und das Produkt (Auto) sich nur evolutionär seitdem entwickelt hat.

Der PC ist mittlerweile mobil (Smartphones, AR-Brillen, Voice Assistants…) und Informationen stehen jederzeit zur Verfügung (Cloud-Technologie), damit ist eine Entwicklung abgeschlossen, die mit den ersten Terminals (50er Jahre) begonnen hatte.

What is notable is that the current environment appears to be the logical endpoint of all of these changes: from batch-processing to continuous computing, from a terminal in a different room to a phone in your pocket, from a tape drive to data centers all over the globe. In this view the personal computer/on-premises server era was simply a stepping stone between two ends of a clearly defined range.

Ab jetzt wird es nur noch in kleineren Schritten weitergehen, so seine These. Und insbesondere Apple und Google werden uns noch lange Zeit als Platzhirschen erhalten bleiben.

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Es ist die Zeit im Jahr für Prognosen. Was wird im Journalismus dieses Jahr wichtig werden? NiemanLab hat wieder einmal eine lange Liste an interessanten Prognosen/Stimmen zusammengetragen. Ich bezweifle, dass sich jemand durch die komplette Liste kämpft, aber es lohnt sich ein bisschen umzuschauen.

Ein Thema, das immer wieder auftaucht: die Geschwindigkeit der Medien. Das ist nicht ganz neu, Slow Media ist seit Jahren ein Thema. Aber gerade in den USA ist der Wunsch nach Entschleunigung nach den turbulenten Trump-Jahren immer größer. Mehr Kontext, mehr Erklären oder anders gesagt: Qualität statt Quantität ist ein Bedürfnis der Leser.

At a time when we’re exposed to more data at faster rates than before, the ability to turn it into understandable and actionable information is paramount. But many worry about the need for speed — eager to pump out data quickly, but slow to convert it into something useful.

Ähnliche Ergebnisse liefern die Leser-Recherchen der New York Times. Dem Human-Centered-Ansatz folgend, hat man im letzten Jahr an vielen Orten Leser und Hörer im Alltag begleitet und befragt. Dabei kam heraus, dass die Nutzer sich nach „Games of Thrones“-Momenten sehnen. Das ist ein sehr interessanter Vergleich, ich denke die News-Branche kann viel vom Storytelling der Erfolgsserien lernen. Zum Beispiel: Terminiertes Veröffentlichen, also Dinge zu festgelegten Zeiten veröffentlichen:

Content that is available on-demand means people can watch and listen to whatever they want whenever they want it. But there’s something lost by the fragmented nature of how people now consume that content. If everyone is watching or listening to something different, connection over shared experience can be harder to achieve.

In eine ähnliche Richtung geht der Wunsch nach einem klaren Anfang und einem klaren Ende. Kein undefinierbarer Strom an Nachrichten, sondern ausgearbeitete Stories, die Orientierung bieten. Die unzähligen (und sehr erfolgreichen) Crime-Podcasts machen es vor: Der Hörer weiß, dass am Ende das Mysterium immer gelüftet wird. Das bietet Genugtuung.

Also, wir müssen öfters auf die Breme treten, tiefer gehen, Orientierung bieten und lieber zweimal durchatmen, bevor die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.

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Das vergangene Jahr stand für mich für die Aufregung über das Unbekannte, das Unfertige und das Unmögliche. Stay with me …

Das Unbekannte ist immer die Zukunft. Oder die Zukünfte. Zukunft bedeutet immer, etwas hinter sich zu lassen. Damit tun sich Menschen schwer. Die Zukunft bringt uns weitere, noch massivere, Zuwanderung. Wir fürchten uns davor, und die AFD freut sich über jede Messerattacke eines Dunkelhäutigen. Die Zukunft bringt eine Klimakatastrophe, und plötzlich mobilisiert sich die Jugend, trotz all der Screen Time mit Fortnite und Tik Tok. Klima und Flüchtlinge sind eigentlich zwei Seiten der selben Medaille. Auf welche man sich fokussiert, macht aber einen großen Unterschied. Die einen fahren mit voller Fahrt auf den Eisberg zu und kümmern sich nur darum, dass die Musik weiterspielt, die anderen versuchen das Ruder herumzureissen. Die einen halten an der Vergangenheit fest, die anderen lassen sich auf die Zukunft ein.

Das Unfertige ist der Zustand zwischen Vergangenheit und Zukunft. Er ist fließend, denn es gibt keine Gegenwart. Die Gegenwart ist so flüchtig wie Sand zwischen den Fingern. Wir schwanken nur immer zwischen dem Blick vorwärts oder rückwärts. Die Elektromobilität ist eine Zukunftstechnologie und nach all den Dieselskandalen der letzten Jahre, haben wir endlich unseren Blick vorwärts gewandt. E-Autos sind noch nicht ganz da, aber wir haben gemerkt, es wird keine Zukunft mehr ohne sie geben. Ein Auto, das mit einem Brennstoff angetrieben wird, den man tief aus der Erde pumpt, und der kleine Explosionen (so richtig mit Feuer und Rauch) im Motor auslöst, damit das Auto sich fortbewegt … Und es stinkt und es ist laut … All das hat uns die letzten 100 Jahre kaum gestört. Aber unsere Enkel werden darüber lachen.

Das Unmögliche ist nur unmöglich bis es einer möglich macht. Elon Musk baut einen Cybertruck, der eigentlich nicht existieren sollte. Mir fällt jedenfalls kein Grund ein. Apropos Tesla, das Silicon Valley ist ein absoluter Möglichmacher. Allerdings nicht immer. Facebook sieht offenbar keine Möglichkeit, seine Fake News, Hetztiraden und politischen Manipulationen in den Griff zu bekommen. Zu groß, um es zu kontrollieren. Too big to take responsibility. Generell wurde das Unmögliche immer normaler. Die großen WTF-Momente der letzten Jahre (Brexit, Trump, AFD) relativieren sich langsam. Wir finden uns ab – oder schöpfen bereits neue Hoffnung aus der Zukunft?

2019 war ein Kippjahr. Unser Blick ist von der Vergangenheit in Richtung Zukunft gestoßen worden. Gut so, weiter so.

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Man sollte interessierten Lesern nicht die Türe vor der Nase zuknallen. Das haben viele Verlage mit Paywall bereits gemerkt. Die löchrige Paywall – oder auch metered paywall genannt – ist aktuell eigentlich das gängige Instrument. Jetzt hat die New York Times seit diesen Sommer die Hürde für Leser allerdings erhöht. Konnte man vorher 10 Artikel/Monat frei lesen, muss man sich jetzt registrieren – und zwar bereits beim ersten Artikel. Wohlgemerkt „nur“ registrieren, ein freies (und nach diversen Kriterien variierendes) Kontingent an Artikel gibt es danach weiterhin. Aber kann das eine gute Idee sein? Ich denke, ja!

Folgende Vorteile sehe ich im Registrierungszwang:

  • Weniger Reibung beim Konvertieren: Ein allgemeines Problem beim Konvertieren zum Bezahlkunden ist der Aufwand. Kontaktdaten, Login-Daten, Bezahldaten… Ist der Nutzer bereits eingeloggt, reicht im besten Fall eine kurze Bestätigung per Fingerabdruck und über Apple Pay ist das Abonnement abgeschlossen.
  • Mehr Informationen über den Leser: Ich weiß, Nachrichtenseiten sind echte Datenkraken. Mehr Informationen über den Nutzer müssen aber nicht für dunkle Zwecke (Weitergabe an Drittunternehmen) dienen, sondern können die Experience verbessern. Personalisierung ist hier das strapazierte Zauberwort, die kann dann auch für Interessenten und „Vielleicht-Kunden“ ermöglicht werden.
  • Das leidige Login-Problem für Bezahlnutzer ist damit ein bisschen gelöst: Wie oft möchte man einen Artikel aufrufen und rennt gegen die Bezahlschranke, obwohl man bereits bezahlt. Muss man sowieso immer eingeloggt sein, auf allen Geräten, minimiert sich das Problem etwas.
  • Die Plattformen machen es auch – aus Gründen: Facebook, Instagram, Medium, Linkedin. Überall wird man zur Registrierung gebeten. Erst dann kann man logischerweise das volle Potential nutzen. Kommentieren, ein Profil erstellen und sich besser tracken lassen. Während es bei den „Sozialen“ Plattformen gängig ist, ist die NYTimes im Nachrichtenbereich ein Vorreiter. Dabei sind Nachrichtenangebote genauso eine Community, auf der es wenig Sinn macht, anonym unterwegs zu sein.

Ich bin gespannt, ob andere dem Beispiel folgen werden. Das ganze Interview mit CEO Mark Thompson auf NiemanLab ist übrigens sehr lesenswert. Man sieht sich weiterhin auf Kurs, die 10 Millionen Abonnenten-Marke im Jahr 2025 zu knacken. Würde das passieren, kann man sicherlich davon sprechen, dass die New York Times aus dem Zerfall von Print als Sieger hervorgegangen ist.

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Es gibt sie, die Perlen des modernen Online-Publishings. Blogs oder Magazine, die ich regelmäßig lese – und zwar nicht unbedingt, weil ich mich so wahnsinnig für das Thema interessiere, sondern weil die Qualität des Angebots so gut ist. Hodinkee ist ein Magazin rund um Uhren und ein perfektes Beispiel dafür. Eine kleine Case Study des bemerkenswerten Aufstiegs Hodinkees.

Ich habe durchaus einen Faible für mechanische Uhren, bin allerdings weder Sammler noch Branchenkenner. Und dennoch verbringe ich manchmal den Sonntag damit, Artikel über die Entstehung der ikonischen Ball Clock von George Nelson oder über die Geschichte von Uhren im Weltall zu lesen. Was mich dabei fasziniert: Es ist so nischig und geradezu verrückt, über so etwas in diesem Detailgrad zu schreiben. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Autoren oder Nerds dort draußen, die sich derart mit diesen Themen beschäftigen und das macht es einfach besonders. Aber nicht nur inhaltlich ist Hodinkee interessant, auch das Geschäftsmodell und die strategischen Entscheidungen können als Vorbild für Fachjournalismus im Web gesehen werden.

Hodinkee wurde 2008 in New York von Benjamin Clymer im Alter von 25 Jahren gegründet und ist mittlerweile wohl die wichtigste Anlaufstation für Uhrenfanatiker mit über 50 Mitarbeitern. Jony Ive, Ashton Kutcher und Tony Hawk gehören mittlerweile zu den Investoren.

Der Name ist übrigens ein Wortspiel mit dem tschechischen Wort für Armbanduhr: hodinky. Prinzipiell ist die Seite dem Thema auch treu geblieben. Es dreht sich alles um die kleinen Zeitanzeiger am Armgelenk. In der Selbstbeschreibung heißt es:

„HODINKEE is the foremost destination for all things in the world of horology, making watches and information about them accessible to all.“

Ein kleiner Blog mit einer persönlichen Geschichte

Zum Start war Hodinkee ein kleines Tumblr-Blog. Eins unter Tausenden. Clymer erzählte einfach nur die Story seiner Omega Speedmaster, die er von seinem Opa als er 16 war, geschenkt bekommen hat. Dies war der Moment in seiner Jugend, der seine Faszination für Uhren ausgelöst hat, oder genauer gesagt, für die Geschichten hinter den Uhren. Das Tumblr-Blog warf erste Werbeeinnahmen ab und Clymer hängte seinen Job an der Wall Street an den Haken. Es folgte ein Journalistik-Studium und Clymer frage sich, ob er ernsthaft mit seinem Hobby Geld verdienen könnte.

Er probierte es einfach, auch wenn (Vintage-) Uhren damals ein ziemlich abgehobenes Hobby der älteren Elite war. Niemand hätte damals mit einer Rückkehr mechanischer Uhren, gerade bei jungen Leuten, gerechnet. Die Prognosen gingen eher in die Richtung, dass die Uhr dem Schicksal der Schreibmaschine oder Plattenspieler folgen wird. Immerhin hat jeder mit dem Smartphone bereits eine Uhr in der Tasche.

20 Jahre später geht es der schweizer Uhrenindustrie blendend. Auch deutsche Unternehmen wie Nomos Glashütte oder Junghans erfahren recht unerwartet einen zweiten Frühling. Auktionshäuser erzielen Rekorderlöse, erst diesen Monat wurde eine Grandmaster Chime ref. 6300A von Patek für unglaubliche 31 Millionen US-Dollar versteigert. Im Hip-Hop und in Hollywood gehören sie zum wichtigen Mode- und Statussymbol. Mechanische Uhren sind als Sammelobjekte populär wie nie, trotz oder gerade wegen der Apple Watch (die neben Rolex die größten Umsätze aktuell erzielt), und Hodinkee hat eine unglaubliche Entwicklung durch diesen Trend hingelegt.

Die Seite entwuchs dem Tumblr-Blog schnell. Es wurden zwei Autoren eingestellt und lansgam ein wirklich professionelles Publishing-Angebot aufgebaut. Werbung war die einzige Einnahmequelle, bis 2012 der angedockte Online-Shop eröffnet wurde. Verkauft wurden Accessoires rund um Uhren, also Werkzeuge und Armbänder. Ebenfalls 2012 fing das noch kleine Team an, erste Videos zu produzieren. Vor allem natürlich Testberichte, Hands-Ons von interessanten Uhren. Richtig ins Rollen kam das Bewegtbildangebot allerdings erst mit dem Format „Talking Watches“ in dem oft prominente Sammler ihre Schätze im Gespräch vorstellen. Die 10 bis 15 Minuten langen Videos, die sich meistens zuhause beim Sammler abspielen, wurden und sind ein großer Erfolg. Über 50 Folgen gibt es mittlerweile, immer mit über 100K Views, teilweise sogar über der Millionengrenze.

Der Durchbruch, den sich so viele Blogger wünschen

Wahrscheinlich war 2012 das Jahr des Durchbruchs für Hodinkee. Die Szene wurde aufmerksam auf dieses junge, moderne Uhrenmagazin und das Unternehmen hatte mit Shop und Werbung ein starkes finanzielles Fundament. Spätestens jedoch 2013, als das Time Magazine Hodinkee unter die 50 besten Webseiten des Jahres wählte, wurde der etwas seltsame Name ein Begriff. Bezeichnend, dass Jay Z sich bei Clymer eine Empfehlung für die passende Uhr bei seinem nächsten Konzert einholte. Es gab einen neuen Cool Kid on the Block und das ganze Thema mechanische Uhren wuchs, obwohl parallel auch gerade die ersten Smartwatches auf den Markt kamen (die Apple Watch kam erst 2015).

Aber wie war dieser Aufstieg zwischen 2008 bis 2013 möglich? Welche Gründe lassen sich finden?

Hodinkees Mittel zum Erfolg?

Ich denke am Anfang steht immer die Motivation. Jeder Blogger kennt den Tipp, fang einfach an über etwas zu schreiben, das dich ehrlich interessiert. Mach dir erstmal keine Gedanken über alles andere. Clymer ist ein Uhren-Nerd, sein fanatisches Interesse wirkt bis heute authentisch und steckt als DNA in Hodinkee.

Damit einher geht auch die richtige Ansprache der Zielgruppe, den Zeitgeist, die Tonalität richtig zu treffen. Bei Hodinkee geht es nicht um Luxus, um Menschen, die teure Uhren tragen, um zu zeigen, dass sie vermögend sind. Es geht vielmehr um die Faszination für das Objekt, die Technik und vor allem die Geschichte hinter der Uhr. Wer hat sie getragen, was für eine persönliche Bedeutung hat sie für den Sammler? Oft beschreiben die Sammler in „Talking Watches“ die günstigen Uhren in ihrer Sammlung als die wichtigsten Stücke, weil sie damit eine Erinnerung, eine Emotion verbinden. Wer in der Szene eine Größe werden möchte, muss mit Wissen glänzen, nicht mit Kaufkraft, das hat Hodinkee immer ausgestrahlt.

In einem NYTimes-Artikel wird es ganz treffend beschrieben:

„The site he ended up with was an unabashed fan site for regular guys, as opposed to the traditional, cataloglike watch-enthusiast publications, which feel more like oak-paneled clubhouses for silver-haired aristocrat collectors.“

Wer im weltweiten Kampf um Aufmerksamkeit sich einen Logenplatz erarbeiten möchte, muss seine Nische finden. Ein weiterer Grund für den Erfolg Hodinkees, denn die Zielgruppe ist spitz und kaufkräftig. Der durchschnittliche Leser ist 37 Jahre alt (Gen Y) und zu 90 % männlich. Zudem verdienen 40 % der Leser über 250K $ und besitzen im Schnitt 11 Uhren. Damit gelingt Hodinkee ein Spagat, der sehr typisch für die Generation Y ist: Es geht nicht um Konsum – und dennoch geht es um Konsum. Es ist eine Art sinnstiftender Konsum, bei dem Werte wie Tradition, Handwerk, Geschichte eine wesentliche Rolle spielen.

Es ist also nicht nur eine spitze Zielgruppe, die Hodinkee bedient, sondern auch ein Zeitgeistthema. Mechanische Uhren gelten in Zeiten der wilden Digitalisierung als Anker des analogen, mechanischen Handwerks. Ähnlich wie Schallplatten oder Oldtimer, allerdings immer noch innovativ und sich technisch weiterentwickelnd. Vor fünf Jahren hat sich noch kein junger Amerikaner für mechanische Uhren interessiert, mittlerweile gibt es eine Art geheime Community der Gen Y, die sich anerkennend grüßt, wenn sie eine Vintage-Rolex am Arm erkennt. Und das Clubheim der Community ist Hodinkee. Zudem wird die Generation in den nächsten Jahren noch kaufkräftiger, wenn sie das Erbe der Gen X antritt.

Viele günstige Bedingungen also. Aber zurück zur Entwicklung der Seite. Was ist der nächste Schritt nach dem Eröffnen eines eigenen Shops und nachdem man sich als kleiner Platzhirsch etabliert hat?

Wachstum, ohne Kern und Zielgruppe zu verlieren

Im Juni 2015 wurde ein Merger zwischen Hodinkee und dem Uhren-News-Aggregator Watchville bekannt. Anstatt das Themenspektrum auszuweiten und über andere Luxusgüter zu berichten, entschied man sich also seine Kompetenz und Reichweite beim Kernthema auszubauen. Steve Hallock, ein Veteran der Branche, schrieb über den Merger:

“One thing is for certain, they are not playing around at this point. This is a big move. Kevin and this investor list would not be involved if they didn’t recognize the major opportunities here to become more than simply the best high end watch blog on the planet. Hodinkee just got on the rocket ride.”

Gleichzeitig holte man sich mit Jack Forster und im Folgejahr Joe Thompson, die Creme de la Creme der Szene-Autoren, an Bord und konnte mit der zweigleisigen Strategie (Redaktion und E-Commerce) weiter wachsen. 2016 verkaufte der Shop 15.000 Armbänder in die ganze Welt und wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 450 %.

Dennoch war der Shop nur ein Anhängsel mit Zubehör und weit von einem vollwertigen Uhrenshop entfernt. Das allerdings ist bis heute auch nicht das Ziel, die Reise sollte eher in Richtung Exklusivität gehen. Die Uhren, die man bei Hodinkee bekommt, bekommt man sonst nirgends. Damit zeigten die Macher hinter der Seite erneut das richtige Gespür für ihre Zielgruppe. Limitierte Editionen, die in Kooperationen mit anderen Marken entstehen und untermauert werden mit den richtigen Geschichten. Das Ziel: Die klügsten Autoren aus der Szene entwerfen mit den coolsten Uhrenmachern ihre Wunschmodelle.

Es entstanden Koops mit Hermès, Swatch, TAG Heuer und IWC. Einige der dadurch entstanden Uhren waren eigens entwickelt, alle hatten aber zumindest ein Hodinkee-Schriftzug auf der Rückseite. Ziemlich bemerkenswert, wenn ein Käufer mehrere tausend Euro ausgibt und ein Branding von einem Online-Magazin dabei nicht nur akzeptiert, sondern es eventuell sogar der Kaufgrund ist. Und ebenso bemerkenswert, wenn sich Traditionsmarken darauf einlassen. So zum Beispiel eine Special-Edition von Vacheron Constantin für 45K $ oder zum 10-jährigen Jubiläum von Hodinkee eine auf 500 Stück limitierte Speedmaster. Jap, das gleiche Modell, das Clymer damals von seinem Opa geschenkt bekommen hat.

Hodinkee hatte also sein Business Modell gefunden. Eine Mischung aus Content Marketing, Kooperationen und E-Commerce. Aber eine wichtige Quelle wurde noch nicht angezapft. Obwohl es sich bei dem Thema geradezu anbietet: eine Print-Veröffentlichung.

Auch die alte Offline-Welt ist weiterhin von Bedeutung

2017 erschien die erste (von mittlerweile fünf) Ausgaben des Hodinkee Magazines. Ein 160-Seiten-starkes Coffee-Table-Magazine für 38 $, erhältlich natürlich im hauseigenen Shop, aber auch im Retail, dort wo man die Zielgruppe vermutet: Intercontinental Hotels, im Soho House und in den Centurion Lounges von American Express, also an Flughäfen.

In gewisser Weise entwickelte sich ein natives Online-Medium rückwärts und eroberte Stück für Stück auch die alten Offline-Formate. Natürlich gibt es auch einen Podcast, einen Newsletter und einen Instagram-Account mit 600K Abonnenten. Aber der neueste – und ganz aktuelle – Streich von Hodinkee, ist die Eröffnung von einem Pop-Up-Store in New York, Soho. Für 10 Tage können die Fans in bester New Yorker Lage und Wohnzimmeratmosphäre Ausstellungsstücke betrachten und natürlich auch Uhren kaufen. Und zwar Uhren von Omega, denn Hodinkee ist damit offizieller Vertriebspartner der schweizer Uhrenhersteller.

So schließt sich wieder der Kreis. Mit Opas Omega hat für Clymer alles begonnen, jetzt vertreibt er in exklusiver Lage genau diese Uhren in seinem eigenen Store.

Eine Starke Marke mit einer klugen Strategie

Eine bemerkenswerte Entwicklung für ein Online-Magazine, von der man sicherlich einige Dinge lernen kann. Hodinkee ist immer ein Nerd-Zine für Gleichgesinnte geblieben, hat aber seine Leserschaft beziehungsweise die Gen Y mit dem richtigen Ton und dem richtigen Angebot angesprochen. Dazu kamen kluge Entscheidungen bei der Finanzierung des hochwertigen Contents – ein Shop, der nicht mit anderen Uhrenshops konkurriert, sondern die Einzigartigkeit der geschaffenen Marke und das Vertrauen der Leser effektiv einsetzt, indem man auf Kooperationen mit den Großen der Branche setzt.

Wie ich eingangs geschrieben habe, eine Perle, die nicht nur für Hardcore-Sammler interessant ist, sondern durch die Qualität und Erzählweise auch ganz andere Leser ansprechen kann. Well done, ein Leuchtturm für Nischenpublikationen!

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